Das Phänomen Linkgeiz

18.05.2010 von Justus

Es gibt immer etwas, über das man sich aufregen kann: Kommentarspam, Affilinet-Newsletter, die es nicht schaffen, das ü in meinem Nachnamen korrekt darzustellen, lahme Auszahlungen oder 15 Euro Checkeinlösegebühr, die man abdrücken muss, weil irgendein Feld-, Wald- und Wiesenpartnerprogramm aus fernen Ländern meint, es wäre effizienter Geld per Post zu verschicken als es einfach zu überweisen. Wenn man das alles aber schon durch hat, bleibt nur noch eins und das ist meistens: Der Linkgeiz.

Linkgeiz ist per definitionem die geringe Bereitschaft von Websitebetreibern, auf andere Websites zu verlinken. Ich bemerke das zum Beispiel, wenn ich auf anderen Websites Gastbeiträge veröffentlichen möchte. In über 80% Prozent der Fälle kommt dann (wenn überhaupt) erstmal die Frage zurück, was ich denn zahle oder auf welcher Seite ich im Gegenzug den Tauschlink setzen würde. 800 oder mehr Wörter hochqualitativer, themenrelevanter und zielgruppengerechter Text wird offenbar nicht als ausreichende Kompensation aufgefasst und auch auf die freundliche Antwort mit der Erklärung, warum ein Gastbeitrag – auch wenn er nur wegen des darin enthaltenen Backlinks geschrieben wird – Vorteile für beide Seiten hat, kommt meistens eine Absage zurück.

Ein anderes Beispiel ist der Linktausch. Anstatt nach Methode Pi mal Daumen vorzugehen wird jedes Detail akribisch geprüft und man stellt wirre Rechnungen mit Anchortexten, Keyworddichte und Domainpopularität auf, die am Ende zum Ergebnis haben, dass ein Linktausch doch nicht so das Wahre ist, weil die Startseiten ja einen unterschiedlichen PageRank haben – da würde man ja mit einer viel schwächeren Seite tauschen.

Das Phänomen Linkgeiz kursiert dabei längst nicht nur in SEO-Kreisen. Die wenigen privaten Hobby-Websitebetreiber, die noch übrig sind, sind extrem SEO-sensibel geworden. Kein Wunder, dunkles Halbwissen um Suchmaschinenrankings, Links und dass an der ganzen Sache viel Geld dranhängt, ist mittlerweile omnipräsent und dank der recht stattlichen Anzahl deutscher SEOs hat wohl der Großteil amateurhafter Seitenbetreiber, deren Thema sich irgendwie kommerziell auslegen lässt, schonmal eine Linkanfrage irgendeiner Art bekommen. Sobald die Seite, die verlinkt werden soll, professionell und nach SEO aussieht, wird der Freizeitwebmaster misstrauisch, schimpft ein wenig über Kommerz und lässt das Verlinken sein. „Quality content attracts quality links“ funktioniert für viele Websites einfach nicht mehr.

Woher kommt das?

Jetzt folgt der Part mit meinen wilden Theorien.

  • Zu viel Verantwortung
    Einen Tauschlink oder Gastbeiträge einzupflegen bedeutet zwei, drei, vier, maximal fünf Minuten Arbeit, soviel ist überschaubar. Aber damit handelt man sich die Verantwortung ein, diesen Link auch dort zu belassen. Wird er geändert, verschoben oder entfernt, gibt es entweder Ärger (nervig) und/oder man verliert seinen eigenen Backlink und riskiert Rankings (grauenhaft! Panik! Ah!). Ich behaupte dass besonders SEOs gerne unabhängig sind. Das Problem ist nicht, den Kompensationslink zu setzen, sondern es zu müssen. Das kenne ich von mir selbst, ich hasse es jedes Mal aufs Neue, Websites auf den Strich zu schicken, um ebenso ungern gesetzte Backlinks zu ertauschen.
    Sehr große Websites, die von ebenso großen Unternehmen oder Verlagen geführt werden, haben oft auch viele Mitarbeiter, die zwar alle an den Websites arbeiten, von denen aber niemand gerne die Verantwortung tragen will, wenn etwas schief geht. Oft sind die Aufgaben und Befugnisse nicht eindeutig und bevor man etwas falsch macht, lässt man es lieber ganz sein.
  • Der Vorteil ist vermeintlich zu klein
    Eine PR6-Website mit Qualitätslinks von hunderten von Domains, die ihre Nische dominiert und hunderte Seiten im Index hat, hat es wahrscheinlich nicht nötig, Gastartikel zu veröffentlichen. Dennoch, auch eine extrem starke Seite kann von so einer Aktion profitieren und das ist Geld, das auf der Straße liegt. Ich will nicht klingen wie Morsten Taue, aber das nicht aufzuheben ist ja schon ein bisschen arrogant. Frische Texte über Themen, die so noch nicht auf der Website vorkommen sind nützlich und könnten z.B. gut im Longtail ranken und neue Besucher anziehen. Je mehr Artikel man sich so auf die Website holt, desto mehr Suchmaschinenfutter hat man. Die richtigen Qualitätsstandards für die Texte vorausgesetzt hat das nur Vorteile. SEO-generated-content sozusagen.
    Von der Gastartikel-Schiene abgesehen sehe ich auch kaum SEO-betriebene Websites, die freiwillig und „einfach so“ wegen des inhaltlichen Mehrwerts verlinken. Dem Ranking hilft es, weil die Themenzugehörigkeit des Contents besser festgestellt werden kann und dem Nutzer hilft es, weil er zusätzliche Informationen bekommt. Ich sage nicht, dass man unter den „Jetzt kaufen“-Button einen Link zur Konkurrenz anbringen soll, aber es macht doch Sinn von der durchSEOzierten Bohrmaschinen-Website auch auf den hilfreichen Artikel in Karl-Heinz‘ Akkuschrauberportal zu verlinken, oder?
  • Der Nachteil ist vermeintlich zu groß
    SEO ist manchmal eine Wissenschaft, das merkt man, wenn man den Blog von Sistrix verfolgt oder schonmal einen Vortrag von Ben Hendrickson gesehen hat. Aber wie eben schon erwähnt, machen sich manche SEOs einfach zu viele Gedanken über ihre Links. Das merkt man, wenn man durch das Abakus Forum blättert und Threads findet, in den gefragt wird ob man wegen 3 PR1-Links pro Woche, von denen einer nofollow ist und zwei bei Vollmond gesetzt werden, in einer Sandbox landet und man erlebt es selbst, wenn man gesagt bekommt, es könne leider kein Link gesetzt werden, weil sonst zu viel „Linkjuice“ abfließen würde.
    Außerdem gibt es genug Websites, die externe Links scheuen, weil sie sich zu 100% auf TKP-Basis vermarkten und ihnen mit jedem ausgehendem Besucher das Geld durch die Finger rinnt. Stellt sich dann generell eine Sinnfrage, aber das ist ein anderes Thema.
  • Links sind vermeintlich zu kostbar
    Das sind diejenigen, die glauben, sie dürften selbst keine Links setzen, weil sie welche verkaufen. 750 Euro Linkjahresmiete müssen es schon sein. Wenn man da freiwillig verlinkt, würde man sich doch dann eine ganze Menge Kohle entgehen lassen! Macht Sinn? Nein.

Der Linkgeiz wird gerne mit „typisch Deutsch“ in Verbindung gebracht, um dazu Theorien aufzustellen fehlt mir allerdings die Erfahrung in internationalen SEO-Gewässern, sicher kann da jemand anderes mehr zu sagen (Kommentare schreiben!).

Hast du schonmal Linkgeiz zu spüren bekommen? Bist du selbst einer dieser Linkgeizkragen? Alles Schwachsinn und es gibt keinen Linkgeiz?



Kommentare

  1. Hallo Justus,

    Deinem Artikel kann ich nur zustimmen. Es gibt den Linkgeiz. Wie oft habe ich mich schon gefragt, wieso irgendwie jeder Webmaster weiß, dass er sich um Verlinkungen kümmern muss, aber dann auf Anfragen nicht reagiert.
    Sogar auf Anfragen bei denen es Geschenke mit dazu gibt werden abgelehnt (Meist aus Misstrauen. Wer verschenkt schon was?).

    Bei mir sind Linktauschanfragen und Gastbeiträge sehr willkommen. Natürlich werden die Anfragen auch kritisch betrachtet, weil ich sonst jede Menge Versicherungs- und Immobilienlinks hätte, Haarspalterei betreibe ich dabei aber nicht.

  2. Naja Linkgeiz ist das eine Thema…das andere ist meines Erachtens diese genauso verwerfliche und zugleich sinnlose Nofollow Wut. So was ist genauso Schade.

  3. Kann deinem Artikel ebenfalls nur zustimmen. Linkgeiz existent und nimmt zusehends (einige Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel) größere Ausmaße an. Vor einigen Jahren wurde unter den „wenigen“ Bloggern noch gern verlinkt, mittlerweile bevorzugen besonders die Blogs mit einer großen Anzahl an Content, die interne Verlinkung. Externe Links werden dann gern außen vorgelassen oder mit nofollow versehen. Wenn ich einen Artikel interessant finde, verlinke ich auch ohne Bedenken ( auch in Gastbeiträgen ). Leider ist es so, dass dieses „Phänomen“ gerade in SEO-Kreisen weit verbreitet ist. Eine lobenswerte Ausnahme bietet hier bspw. Martin mit seinem tagSEOblog.

  4. Blogs – Kommt jetzt die große Linkwelle?…

    Die deutsche Blogosphäre schwankt. Nicht nur, dass viele Blogger immer öfter auf Twitter oder Facebook ausweichen, um kurze Informationen und/oder Links zu posten. Auch der Linkgeiz kratzt am deutschen Bloggebäude. Verlinkt werden vorrangig die einschl…

  5. Ja…hier :-)

    Aber nofollow Tags sind wohl auch nur der Schutzschirm vor den Spammern. Hey, vielleicht fehlt in den Adminbereichen ein Attribut, ob man den Kommentar auf follow oder nofollow stellen kann…aber ich schweife ab.

    Das Problem ist dass die „SEO´s“ die ganze Blogosphäre als Süßwarenladen missverstehen. Es muss nicht mehr höflich angefragt werden, um einen BL zu erhalten oder am Ende sogar noch einen Kontakt pflegen (iiiehh…!). Aber wie soll man das in den Griff kriegen? Alles auf nofollow–>Kommentarmenge geht runter…..alles auf follow–>u.U. kreisen die aufgekratzten SEO-Spammer um Deinen Bienenstock. Und dann noch der Mist mit der ganzen bösen Software, die den „SEO´s“ beim Rumspammen auch noch zuspielen.

    Aber es ist immer ein Geben und Nehmen. Wann habt Ihr den letzten Gastbeitrag ohne BL geschrieben oder einen Fachkommentar auf nofollow-Blogs?

  6. Edit: Suche für lau 1000 Backlinks ab PR6 ;-) , weiß gar nicht wo ich das mal gesehen habe, aber weils gerade zum Thema passt…

  7. Das Nofollow-Attribut hat doch mit Linkgeiz erstmal gar nichts zu tun.
    Ich finde nofollow absolut gut und notwendig und wie du ja auch richtig bemerkt hast, kommt es hier in den Kommentaren ja auch zum Einsatz: Um mich vor Kommentarspam zu schützen. Ich will nicht, dass die Kommentare hier wegen eines Backlinks geschrieben werden, sondern um seine Meinung abzugeben und dementsprechend verhalte ich mich auch auf anderen Blogs.

    Nofollow macht dann Sinn, wenn Besucher die Möglichkeit haben, ihre Links selbst und ohne Kontrolle auf meiner Website einzufügen. Keinen Sinn macht es, alle ausgehenden Links damit zu entwerten, um keinen „Linkjuice zu verschwenden“ o.ä.

  8. Hi Justus,

    toller Beitrag. In Spanien z.B. ist es viel einfacher Links zu bekommen, dort freut man sich noch wenn man angeschrieben wird. Natürlich heisst das nicht, dass man dort immer und von jedem einen Link bekommt. Aber es ist schon eindeutig leichter.

    Ich finde auch das anscheinend viele Agenturen Links für überhöhte Preise kaufen. Oftmals kommen Webmaster mit völlig realitätsfremden Preisen für einen Link an, ohne das überhaupt auf den Content geschaut wird. Es interessiert schlicht kaum noch, ob man guten Inhalt bietet.

  9. […] schon gesagt, liegt ein Grund für die “Angst” vor externen Links in den merkwürdigen Ansichten einiger SEOs, die vor ein paar Jahren vertreten […]

  10. Linkgeiz ist auch 2 Jahre später noch ein Thema… und wird es wahrscheinlich auch ewig bleiben, in meinen Augen ist das dunkle Halbwissen eher gefährliches Halbwissen. Und Dummheit!

  11. Hallo Justus,

    Obwohl es schon 2 Jahre her ist, finde ich deinen Artikel noch relevant. Ich bin Amerikaner (kann aber noch Deutsch) und arbeite mit meinen eigenen Blogs in den USA, und finde es viel einfacher hier Links zu finden und ‚Kontakte zu pflegen.‘ Einerseits frage ich mich ob dass eine Frage der deutschen Kultur ist. Amerikaner sind natürlich offener, obwohl öfters aber nicht echt. Deutscher finde ich öfters echt, obwohl nicht offen, am Anfang zumindest.

    Was findest du (und vielleicht den anderen Lesern deines Blogs) dass funktioniert einen guten ‚Pitch‘ zu machen? Ich finde was in den USA, UK, Canada, und auch Australien nicht so in Deutschland geht.

    Könnte mein Problem auch meine Schwächen mit der Sprache einschliessen? Vielleicht nehmen die Deutscher an das meine Beiträge niedriger Qualität seien, weil ich kein Muttersprachler bin. Als Antwort, habe ich Übersetzter die meine Artikel durchlesen um meine Fehler zu korrigieren. Dennoch richten diese Deutsche Bloggers meine Fähigkeit wegen der Grammatik meiner Emails.

    -Dustin

  12. Hallo!

    Dein Artikel ist interessant, wenn auch nicht der erste ;-). Das Problem ist ( in meinen Augen ) nicht der Linkgeiz, sondern die Suchmaschine mit dem großen G. In diesem Jahr gab es viele Updates und viele Blogger haben Angst, dass Ihre Blogs von Google schlechter bewertet werden, wenn Sie andere verlinken. Nun muss man eben die Texte für die Leser schreiben, jedoch bringt G die Leser. Gastbeiträge & Co. sind eine tolle Sache, jedoch geht Google sehr sparsam mit Informationen um, wie man solche Links markieren soll. Google und viele Blogger hätten es deutlich einfacher, wenn man ein Tag einführen würde, wo man im Quellcode angeben kann, dass der Beitrag XYZ eben von jemand anders ist. Du musst dir nur mal anschauen, dass dein Beitrag von 2010 ist und was Google mit Penguin und Panda angestellt hat. Es wird auch noch in vielen Jahren ein Thema sein, solange man keine Informationen hat auf die man sich verlassen kann.

  13. Ja klar kann man den Linkgeiz zu spüren bekommen, sogar von den Verfasser dieses Textes selber, denn warum sollten sonst die Links aus den Kommentaren per nofollow entwertet werden? Unwissenheit das dieses automatisch so bei WordPress eingestellt ist?
    Genau wie bei einen Gastartikel Herr Blümer bekommen sie durch Kommentare kostenlosen Content, und diesen honorieren sie gleichfalls mit nofollow. Wie man sich dann über andere beschweren kann, die genau das gleiche machen , unbegreiflich

  14. […] Nicht jeder Webmaster ist davon überzeugt, dass Links von der eigenen Website auf eine externe Ress…. Ich persönlich sehe das ganz anders: Wenn du einen Artikel schreibst und du willst dort weiterführende Informationen anbieten, die aber nicht in dem Artikel selbst ausgeführt werden sollen, dann verlinke unbedingt auf sinnvolle externe Websites. Damit lieferst du deinen Konsumenten zusätzliche Informationen und wertest deinen eigenen Content auf, weil es ein direkter Vorteil für jemanden ist, der sich für diese zusätzlichen Inhalte interessiert. […]

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