Der Wahlwerbespot der Piratenpartei

Zugegebenermaßen habe ich ein Faible für Wahlwerbespots, weil sie sich von gewöhnlicher Fernsehwerbung meistens deutlich unterscheiden. Die Ausgangssituation ist nämlich eine ganz andere: Geht man (leider unrealistischerweise) davon aus, dass der Zuschauer zur Wahl geht, besteht das Ziel eines Wahlwerbespots darin, die Stimme, die der Wähler ohnehin vergibt und die ihn nichts kostet, für sich zu gewinnen. Man kann natürlich darüber streiten wie stark Rationalität und wie das Bauchgefühl die Entscheidung beeinflusst, aber ich behaupte, der Großteil der Wähler braucht, bevor er sich bewusst mit der Partei beschäftigt, eine positive emotionale Grundeinstellung und die lässt sich eben nur auf dem unbewussten Wege erzeugen. Dazu dienen Wahlwerbespots.

Damit das funktioniert, wird die politische Message verpackt. In diesem Falle – im Spot der Piratenpartei – außerordentlich gut. Authentische Persönlichkeiten, die durch ihr nerdiges Aussehen oder ihren vernuschelten Dialekt erst perfekt werden und vor allem glaubwürdig sind. Effektvoll, diese zwei Akte; erst der Part mit den politischen Aussagen und dann der zweite, der emotionale. Der, bei dem man auch aufstehen und sagen will “Ja, ich bin Pirat!”. Wirklich gut.

Mehr dazu unter Ich bin Pirat! – http://www.ich-bin-pirat.de/

Virale Videos kündigt man nicht an

Wie bis eben noch bei Marcus im JOBlog zu lesen war (der Artikel wurde großzügiger- und gutmütigerweise gelöscht), ist es Microsoft gelungen, die Planung eines neuen viralen Videos im Stile von “Bruno Kammerl’s Punktlandung” (siehe dazu: Das Idiotenapostroph) derart öffentlich zu machen, dass sämtliche Viralität durch frühzeitiges Wedeln mit der Fake-Fahne nicht nur vor der Veröffentlichung, sondern bereits vor der Produktion verloren geht.

[...] Und nun planen die Microsofties scheinbar eine neue virale Aktion. Ich habe nämlich gestern von meiner Casting-Agentur einen lustigen Casting-Aufruf bekommen:

Laptop kaputt machen für Microsoft Werbefilmchen

Hier der ganze Aufruf:

Folgende Spiel-Charaktere werden gesucht.
Designer vom Typ Berlin-Mitte (locker sitzender Anzug, rechteckige Brille) Erste Liga – Elektro-Punk (Tatoo, Bart, Truckercap, teure Klamotten, trotzdem Punk) Prenzlberg-Tussie (Bob-Frisur, T-Shirt mit rosa Print, Gucci-Sonnenbrille) Trendjapaner (Mangastyle)

Für die Filmhochschule München haben wir folgende Jobanfrage erhalten: Für Microsoft möchte die Filmhochschule in München 4 Virals (lustige kurze Werbeclips) drehen.
Die Handlung der Spots ist schnell erklärt: In vier Locations (Designbüro, Isarstrand, S-Bahn, Küche) flippen vier Mac-User aus und machen ihr Laptop kaputt. Referenz ist der youtube-Klassiker mit dem Büroangestellten im Großraumbüro: >>> zum Video

Sie benötigen 4 Komparsen/Kleindarsteller, die diesen Kontrollverlust glaubwürdig spielen können. Der Regiesseur wird deswegen auch aus einer kleinen Auswahl der Bewerber nächste Woche ein kurzes Casting machen. Drehtermin ist der 29. oder 30. September für einen halben Tag (bis 4 Stunden). Ein Budget ist zwar vorhanden, da das Ganze aber im Rahmen der Filmhochschule abläuft, eben nicht viel.
Die Gage beträgt 50,00 Euro. Es erfolgen keine weiteren Abzüge durch uns. Da es nicht viel Geld ist, bekommt auch jeder Darsteller eine DVD vom fertigen Film um ihn als Referenzmaterial für sich zu benutzen.

Abgesehen davon, dass ich von solcher Negativ-Werbung wenig halte, ist die Idee äußerst gewöhnlich. Die Zielgruppe eines solchen “Virals” (die übrigens kein klassischer “Werbefilm” sein sollten, weil sie dann nicht mehr funktionieren) sind vermeintlich hippe bloggende und twitternde In-Typen, die sich allerdings entgegen ihres in den trägen Teilen der Werbebranche festgesetzten Rufes nur ungerne und in der Regel auch nicht derart leicht als Werbeträger instrumentalisieren lassen. Die erkennen sowas.
Zweitens hängen Videos mit lustigen Leuten, die etwas kaputt machen, spätestens seit den adipösen SuperRTL-Moderatoren, die ihre immergleichen und einschläfernden Pannenshows präsentieren, der Allgemeinheit zum Halse raus.

Vielleicht der übermütige Versuch, an den Erfolg des letzten Videos anzuknüpfen: Bisher gibt es 1056 Backlinks von 175 Domains (laut Yahoo) auf mach-es-machbar.de, was ohne Keys mit sinnvollem Suchvolumen und Kaufintention jedoch wenig Nutzen bringt. Ebenso ist der Branding-Effekt für Microsoft wohl vergleichweise gering, weil der durchschnittliche YouTube-Nutzer von der Video-Unternehmen-Verbindung nicht viel mitbekommt. Insgesamt kann man das unter “nettes Experiment” verbuchen und sich aber gleichzeitig davor hüten, sich als den neuen Social-Media-Versteher zu feiern.