Das Phänomen Linkgeiz

Es gibt immer etwas, über das man sich aufregen kann: Kommentarspam, Affilinet-Newsletter, die es nicht schaffen, das ü in meinem Nachnamen korrekt darzustellen, lahme Auszahlungen oder 15 Euro Checkeinlösegebühr, die man abdrücken muss, weil irgendein Feld-, Wald- und Wiesenpartnerprogramm aus fernen Ländern meint, es wäre effizienter Geld per Post zu verschicken als es einfach zu überweisen. Wenn man das alles aber schon durch hat, bleibt nur noch eins und das ist meistens: Der Linkgeiz.

Linkgeiz ist per definitionem die geringe Bereitschaft von Websitebetreibern, auf andere Websites zu verlinken. Ich bemerke das zum Beispiel, wenn ich auf anderen Websites Gastbeiträge veröffentlichen möchte. In über 80% Prozent der Fälle kommt dann (wenn überhaupt) erstmal die Frage zurück, was ich denn zahle oder auf welcher Seite ich im Gegenzug den Tauschlink setzen würde. 800 oder mehr Wörter hochqualitativer, themenrelevanter und zielgruppengerechter Text wird offenbar nicht als ausreichende Kompensation aufgefasst und auch auf die freundliche Antwort mit der Erklärung, warum ein Gastbeitrag – auch wenn er nur wegen des darin enthaltenen Backlinks geschrieben wird – Vorteile für beide Seiten hat, kommt meistens eine Absage zurück.

Ein anderes Beispiel ist der Linktausch. Anstatt nach Methode Pi mal Daumen vorzugehen wird jedes Detail akribisch geprüft und man stellt wirre Rechnungen mit Anchortexten, Keyworddichte und Domainpopularität auf, die am Ende zum Ergebnis haben, dass ein Linktausch doch nicht so das Wahre ist, weil die Startseiten ja einen unterschiedlichen PageRank haben – da würde man ja mit einer viel schwächeren Seite tauschen.

Das Phänomen Linkgeiz kursiert dabei längst nicht nur in SEO-Kreisen. Die wenigen privaten Hobby-Websitebetreiber, die noch übrig sind, sind extrem SEO-sensibel geworden. Kein Wunder, dunkles Halbwissen um Suchmaschinenrankings, Links und dass an der ganzen Sache viel Geld dranhängt, ist mittlerweile omnipräsent und dank der recht stattlichen Anzahl deutscher SEOs hat wohl der Großteil amateurhafter Seitenbetreiber, deren Thema sich irgendwie kommerziell auslegen lässt, schonmal eine Linkanfrage irgendeiner Art bekommen. Sobald die Seite, die verlinkt werden soll, professionell und nach SEO aussieht, wird der Freizeitwebmaster misstrauisch, schimpft ein wenig über Kommerz und lässt das Verlinken sein. “Quality content attracts quality links” funktioniert für viele Websites einfach nicht mehr.

Woher kommt das?

Jetzt folgt der Part mit meinen wilden Theorien.

  • Zu viel Verantwortung
    Einen Tauschlink oder Gastbeiträge einzupflegen bedeutet zwei, drei, vier, maximal fünf Minuten Arbeit, soviel ist überschaubar. Aber damit handelt man sich die Verantwortung ein, diesen Link auch dort zu belassen. Wird er geändert, verschoben oder entfernt, gibt es entweder Ärger (nervig) und/oder man verliert seinen eigenen Backlink und riskiert Rankings (grauenhaft! Panik! Ah!). Ich behaupte dass besonders SEOs gerne unabhängig sind. Das Problem ist nicht, den Kompensationslink zu setzen, sondern es zu müssen. Das kenne ich von mir selbst, ich hasse es jedes Mal aufs Neue, Websites auf den Strich zu schicken, um ebenso ungern gesetzte Backlinks zu ertauschen.
    Sehr große Websites, die von ebenso großen Unternehmen oder Verlagen geführt werden, haben oft auch viele Mitarbeiter, die zwar alle an den Websites arbeiten, von denen aber niemand gerne die Verantwortung tragen will, wenn etwas schief geht. Oft sind die Aufgaben und Befugnisse nicht eindeutig und bevor man etwas falsch macht, lässt man es lieber ganz sein.
  • Der Vorteil ist vermeintlich zu klein
    Eine PR6-Website mit Qualitätslinks von hunderten von Domains, die ihre Nische dominiert und hunderte Seiten im Index hat, hat es wahrscheinlich nicht nötig, Gastartikel zu veröffentlichen. Dennoch, auch eine extrem starke Seite kann von so einer Aktion profitieren und das ist Geld, das auf der Straße liegt. Ich will nicht klingen wie Morsten Taue, aber das nicht aufzuheben ist ja schon ein bisschen arrogant. Frische Texte über Themen, die so noch nicht auf der Website vorkommen sind nützlich und könnten z.B. gut im Longtail ranken und neue Besucher anziehen. Je mehr Artikel man sich so auf die Website holt, desto mehr Suchmaschinenfutter hat man. Die richtigen Qualitätsstandards für die Texte vorausgesetzt hat das nur Vorteile. SEO-generated-content sozusagen.
    Von der Gastartikel-Schiene abgesehen sehe ich auch kaum SEO-betriebene Websites, die freiwillig und “einfach so” wegen des inhaltlichen Mehrwerts verlinken. Dem Ranking hilft es, weil die Themenzugehörigkeit des Contents besser festgestellt werden kann und dem Nutzer hilft es, weil er zusätzliche Informationen bekommt. Ich sage nicht, dass man unter den “Jetzt kaufen”-Button einen Link zur Konkurrenz anbringen soll, aber es macht doch Sinn von der durchSEOzierten Bohrmaschinen-Website auch auf den hilfreichen Artikel in Karl-Heinz’ Akkuschrauberportal zu verlinken, oder?
  • Der Nachteil ist vermeintlich zu groß
    SEO ist manchmal eine Wissenschaft, das merkt man, wenn man den Blog von Sistrix verfolgt oder schonmal einen Vortrag von Ben Hendrickson gesehen hat. Aber wie eben schon erwähnt, machen sich manche SEOs einfach zu viele Gedanken über ihre Links. Das merkt man, wenn man durch das Abakus Forum blättert und Threads findet, in den gefragt wird ob man wegen 3 PR1-Links pro Woche, von denen einer nofollow ist und zwei bei Vollmond gesetzt werden, in einer Sandbox landet und man erlebt es selbst, wenn man gesagt bekommt, es könne leider kein Link gesetzt werden, weil sonst zu viel “Linkjuice” abfließen würde.
    Außerdem gibt es genug Websites, die externe Links scheuen, weil sie sich zu 100% auf TKP-Basis vermarkten und ihnen mit jedem ausgehendem Besucher das Geld durch die Finger rinnt. Stellt sich dann generell eine Sinnfrage, aber das ist ein anderes Thema.
  • Links sind vermeintlich zu kostbar
    Das sind diejenigen, die glauben, sie dürften selbst keine Links setzen, weil sie welche verkaufen. 750 Euro Linkjahresmiete müssen es schon sein. Wenn man da freiwillig verlinkt, würde man sich doch dann eine ganze Menge Kohle entgehen lassen! Macht Sinn? Nein.

Der Linkgeiz wird gerne mit “typisch Deutsch” in Verbindung gebracht, um dazu Theorien aufzustellen fehlt mir allerdings die Erfahrung in internationalen SEO-Gewässern, sicher kann da jemand anderes mehr zu sagen (Kommentare schreiben!).

Hast du schonmal Linkgeiz zu spüren bekommen? Bist du selbst einer dieser Linkgeizkragen? Alles Schwachsinn und es gibt keinen Linkgeiz?

Mein Arbeitsplatz

Nachdem Monsieur Rossbacher, eisy, Martin Mißfeldt und viele weitere haben nach dem Aufruf beim Webmasterfriday ihre Arbeitsplätze gezeigt, jetzt folgt meiner:

Mein Arbeitsplatz

(Klicken zum Vergrößern)

Die Pflanze braucht seine einem halben Jahr einen Topf und ich einen ordentlichen Monitor, weil auf dem Macbook arbeiten zwar wunderbar funktioniert, aber mit der Zeit doch anstrengend wird. So ordentlich sieht es normalerweise nicht aus, ich habe aus ästhetischen Gründen mal die Socken, die sonst ins Bild geragt hätten, weil sie überall auf dem Boden herumliegen, entfernt ;)

Semantik, Algorithmen und Sensoren

Werden wir bald von den Computern heimgesucht, die unsere Daten aggregieren, zusammenführen, bewerten und verwerten?

Nein. Die Beispiele, mit denen ihr beginnt, sind für meinen Geschmack etwas sehr weit hergeholt. Handys mit Barometer? Gut, die Geschwindigkeitsmessung wäre dank GPS noch möglich, aber letztendlich muss man immer nach dem Sinn der Nutzung solcher Daten suchen. Es gibt kein universelles Muster der Musik, die Leute hören, wenn sie mit 120 auf der Autobahn unterwegs sind; der eine hört wilden Hip-Hop, der andere Klaviersonaten und das ist bei den meisten anderen Themen genau so. Genau so schwer ist es, aus einfach erhebbaren Informationen wie zum Beispiel der Positions- und Bewegungsdaten, aktuelle und genaue Stimmungsprofile zu erstellen. Gedankenlesen geht nicht.
Gut, wenn das System registriert, dass ich jede zweite Nacht auswärts übernachte, könnte ein Filter anspringen und das als die Adresse meiner Freundin identifizieren oder mir eine allgemeine Vorliebe für Döner unterstellen, wenn ich regelmäßig den entsprechenden Imbiss aufsuche. Das geht jetzt schon und auch wenn das harmlos klingt, nimmt das bei Heavy-Usern Orwell’sche Züge an, die diese Daten sowohl kommerziell als auch für Überwachungsorgane interessant machen würden.

Ich behaupte es gibt keinen Unterschied dazwischen, persönliche Daten vor Personen und Unternehmen oder aber vor “den Maschinen” zu verstecken – sobald irgendwo Informationen verarbeitet oder kombiniert werden, hat das irgendjemand veranlasst, im Zweifel besagte Personen und Unternehmen. Das Bewusstsein, dass irgendwann veröffentlichte Daten irgendwann einmal negative Auswirkungen haben können, ist zwar sehr präsent, wird aber nicht ausreichend umgesetzt:

Wenn ich via Twitter über Kunden lästere, werden die das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht lesen. Trotzdem, irgendwann würde es garantiert schiefgehen und irgendwann ist einer von ihnen unter meinen Followern. Und wenn er es jetzt noch nicht ist, vielleicht ist er es irgendwann und liest gerne alte Tweets – das Internet vergisst ja nicht. Ob ich meinen Kundenfrust jetzt bei Twitter, Facebook, StudiVZ oder XING ablasse, ist bis auf die unterschiedliche Wahrscheinlichkeit, mit der der Kunde im jeweiligen Netzwerk angemeldet ist, egal, zumal z.B. Tweets ja bereits jetzt rege in anderen Social-Networks eingebunden und angezeigt werden.

Sich da noch auf AGB und “das sind aber meine Informationen” zu berufen, mag rechtlich gesehen der Königsweg sein, in der Praxis sieht das anders aus. Zum Beispiel gibt es unzählige Seiten, die absolut widerrechtlicherweise WHOIS-Daten veröffentlichen. Diese Daten bekommst du mit etwas Pech niemals aus dem Netz. Also sollte man sich bevor man irgendwo irgendetwas eingibt, genau darüber im Klaren sein, ob man das auch auf anderen Plattformen so schreiben würde.

Zu foursquare und gowalla und wie sie alle heißen lässt sich noch sagen: Ich sehe keinen Sinn darin, meine Follower oder Blogleser darüber zu informieren, wo ich gerade bin oder wo ich mein Mittagessen einnehme. Wo ist der Vorteil für mich und warum sollte es die interessieren?

Mein Lob übrigens an die isarrunde, sehr schöne Serie mit unglaublichem Produktionsaufwand, wie man im Making-Of sieht. Weiter so!