Virale Videos kündigt man nicht an

17.08.2009 von Justus

Wie bis eben noch bei Marcus im JOBlog zu lesen war (der Artikel wurde großzügiger- und gutmütigerweise gelöscht), ist es Microsoft gelungen, die Planung eines neuen viralen Videos im Stile von „Bruno Kammerl’s Punktlandung“ (siehe dazu: Das Idiotenapostroph) derart öffentlich zu machen, dass sämtliche Viralität durch frühzeitiges Wedeln mit der Fake-Fahne nicht nur vor der Veröffentlichung, sondern bereits vor der Produktion verloren geht.

[…] Und nun planen die Microsofties scheinbar eine neue virale Aktion. Ich habe nämlich gestern von meiner Casting-Agentur einen lustigen Casting-Aufruf bekommen:

Laptop kaputt machen für Microsoft Werbefilmchen

Hier der ganze Aufruf:

Folgende Spiel-Charaktere werden gesucht.
Designer vom Typ Berlin-Mitte (locker sitzender Anzug, rechteckige Brille) Erste Liga – Elektro-Punk (Tatoo, Bart, Truckercap, teure Klamotten, trotzdem Punk) Prenzlberg-Tussie (Bob-Frisur, T-Shirt mit rosa Print, Gucci-Sonnenbrille) Trendjapaner (Mangastyle)

Für die Filmhochschule München haben wir folgende Jobanfrage erhalten: Für Microsoft möchte die Filmhochschule in München 4 Virals (lustige kurze Werbeclips) drehen.
Die Handlung der Spots ist schnell erklärt: In vier Locations (Designbüro, Isarstrand, S-Bahn, Küche) flippen vier Mac-User aus und machen ihr Laptop kaputt. Referenz ist der youtube-Klassiker mit dem Büroangestellten im Großraumbüro: >>> zum Video

Sie benötigen 4 Komparsen/Kleindarsteller, die diesen Kontrollverlust glaubwürdig spielen können. Der Regiesseur wird deswegen auch aus einer kleinen Auswahl der Bewerber nächste Woche ein kurzes Casting machen. Drehtermin ist der 29. oder 30. September für einen halben Tag (bis 4 Stunden). Ein Budget ist zwar vorhanden, da das Ganze aber im Rahmen der Filmhochschule abläuft, eben nicht viel.
Die Gage beträgt 50,00 Euro. Es erfolgen keine weiteren Abzüge durch uns. Da es nicht viel Geld ist, bekommt auch jeder Darsteller eine DVD vom fertigen Film um ihn als Referenzmaterial für sich zu benutzen.

Abgesehen davon, dass ich von solcher Negativ-Werbung wenig halte, ist die Idee äußerst gewöhnlich. Die Zielgruppe eines solchen „Virals“ (die übrigens kein klassischer „Werbefilm“ sein sollten, weil sie dann nicht mehr funktionieren) sind vermeintlich hippe bloggende und twitternde In-Typen, die sich allerdings entgegen ihres in den trägen Teilen der Werbebranche festgesetzten Rufes nur ungerne und in der Regel auch nicht derart leicht als Werbeträger instrumentalisieren lassen. Die erkennen sowas.
Zweitens hängen Videos mit lustigen Leuten, die etwas kaputt machen, spätestens seit den adipösen SuperRTL-Moderatoren, die ihre immergleichen und einschläfernden Pannenshows präsentieren, der Allgemeinheit zum Halse raus.

Vielleicht der übermütige Versuch, an den Erfolg des letzten Videos anzuknüpfen: Bisher gibt es 1056 Backlinks von 175 Domains (laut Yahoo) auf mach-es-machbar.de, was ohne Keys mit sinnvollem Suchvolumen und Kaufintention jedoch wenig Nutzen bringt. Ebenso ist der Branding-Effekt für Microsoft wohl vergleichweise gering, weil der durchschnittliche YouTube-Nutzer von der Video-Unternehmen-Verbindung nicht viel mitbekommt. Insgesamt kann man das unter „nettes Experiment“ verbuchen und sich aber gleichzeitig davor hüten, sich als den neuen Social-Media-Versteher zu feiern.



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